Sonstiges

„Sie ist weg“ – Schreibübung

Langsam löste sie ihre Hand von der Türklinke, diese hatte kaum ein Laut von sich gegeben. Ihr Blick wanderte zu der Person, die am Fenster stand. Er merkte nicht einmal, dass sie den Raum betrat. Er schien in einer anderen Welt gerade zu sein. Sie stellte sich einige Schritte hinter ihn. »Hey Dad, sag mal wieso sitzt eigentlich Christina nicht vorne?«
Sie schaute zur Tür, als wäre diese aus Glas und sie könnte die Person auf der anderen Seite sehen. Seit fünf Jahren saß da eine bestimmte Frau und heute war sie nicht da, das erste mal seitdem sie angefangen hatte. Ihr Vater hatte sie entweder nicht gehört oder aber ignorierte sie, den er reagierte überhaupt nicht.
Er stand einfach nur da und sie war sich fast sicher, dass er gerade nicht den Sonnenuntergang bewunderte. Vorsichtig legte sie ihm ihre Hand auf die Schulter. »Hey, was ist los?«
Die erste Regung folgte, er räusperte sich leicht und schaute sie dann direkt an. »Nichts ist los. Ich hab nur kurz über etwas nachgedacht. Was gibt es?«
Bevor sie antworten konnte, drehte er sich von ihr weg und setzte sich an seinen Schreibtisch. Dabei deutete er ihr an auf der anderen Seite platz zu nehmen.
»Christina? Wo ist sie?« Mit der Hand deutete sie auf die Tür. Es war etwas Seltsames in seinen Augen, etwas das sie nicht deuten konnte. Es hatte ein wenig Ähnlichkeit mit dem Ausdruck, mit dem er sie angesehen hatte, als er ihr vor über zehn Jahren sagte, dass ihre Mutter gestorben war.
Erneut räusperte er sich und hielt die Hand kurz vor den Mund, eine Hand, die zu einer Faust geballt war und deren Fingerknöchel weiß hervortraten.
»Sie ist weg. Also was führt dich her?« Seine Stimme hatte alles verloren, von jeder Wärme, die sonst da war, jedes Gefühl war aus ihr verschwunden.
Als sie den Mund öffnete, um erneut zu fragen, hob er die Hand hoch und hielt ihr zwei Briefumschläge hin. »Du hattest recht, sie wollte mich nur ausnutzen. Sie hat gekündigt. Sie ist also Weg.«
Sie nahm die beiden entgegen und öffnete den oberen. Dieser Umschlag war bereits geöffnet worden.
Es war eine schriftliche Kündigung, recht formlos und dazu nur eine knappe Entschuldigung.
»Das kann ich irgendwie nicht glauben. Ja, ich hab gesagt, du sollst vorsichtig sein. Ihr hattet doch so ein schönes Wochenende zusammen.«
Er sprang förmlich auf von seinem Stuhl und wanderte wieder zum Fenster. »Sie ist halt einfach gegangen, hat mich hintergangen. Es ging immer nur um Geld.«
Ihr Blick wanderte zu dem zweiten Kuvert, dieser war deutlich dicker als der erste aber noch ungeöffnet. Sie fragte gar nicht erst um Erlaubnis, sondern öffnete ihn einfach.
Nachdem sie ihn kurz überflogen hatte, kam ein tiefer Seufzer über ihre Lippen. »Ach Dad, du bist ein sturer Dickkopf.«
Ein tiefes grummeln kam über seine Lippen. Davon überzeugt, dass sie ihn eh nicht dazu bewegen konnte, den Brief selber zu lesen, begann sie diesen vorzulesen.

»Mein lieber Benjamin. Nun ist der Tag gekommen, vor dem ich mich gefürchtet habe. Ich werde gehen, ich muss gehen. Ich möchte mich bei dir für so vieles Bedanken. Die schöne Zeit, die wir gemeinsam hatten. Das du mich mit zu eurer Ranch genommen hast und ich die Pferde streicheln durfte. Das du, naja einfach du bist.
Nach unserem Wochenende habe ich mit zahlreichen Personen gesprochen und dabei ist mir nun eines klar und deutlich geworden. Ich bin und werde deiner niemals würdig sein. Ich habe so viel falsch gemacht. Es tut mir wirklich sehr leid. Als Entschädigung für deinen Aufwand sollte ich wenigstens die Kosten für das Wochenende übernehmen. Ich habe daher etwas Geld mit in den Umschlag getan. Ich hoffe, es reicht. Ansonsten zieh den Rest von meinem Gehalt ab, von dem, was ich noch bekomme. Ich hoffe, du findest jemandem, dem du vertrauen kannst und eine Assistentin die ihren Job versteht und nicht so dumm ist sich in ihren Chef zu verlieben. Ich wünsch dir alles Glück der Welt. XXX Christina«

Sie wischte sich eine Träne aus den Augen und hörte nur ein erneutes tiefes Brummen von ihrem Vater. Er war wieder zu einer Salzsäule erstarrt gewesen.
»Hier sind tausend Euro in dem Kuvert. Was ist passiert?«
Er schluckte ein großes Gebirge runter und dachte an den Moment, als er morgens sein Büro betreten hatte.
»Sie war heute Morgen da, brachte mir meinen Kaffee wie immer. Ich fragte sie, wo das Veilchen herkam. Doch sie wollte nicht antworten. Stattdessen sagte sie etwas, das ich nicht verstanden hatte. Sie legte die beiden Umschläge auf meinen Tisch. Dann gab sie mir einen Kuss auf die Wange und » Er stockte, sein Blick wanderte zur Tür. Er konnte sie sehen. Für ihn war es wieder morgens und sie eilte so schnell aus dem Raum, als wäre der Feueralarm losgegangen. »So schnell konnte ich gar nicht reagieren, da war sie plötzlich auch schon weg.«
Er beendete den Satz wieder mit einem tiefen Brummen.
Die junge Frau stand auf und stellte sich direkt vor ihren Vater. »Das blaue Auge kommt bestimmt von Nigel ihrem Ex-Mann. Ich sagte ja, ich hab die beiden gesehen, aber vermutlich hat sie ihn aus anderen Gründen getroffen, als ich dachte. Hol sie dir zurück.«
Ihr Vater schüttelte den Kopf, dazu verschränkte er die Arme vor der Brust.
»Ach komm schon Dad. Du kannst mir nicht erzählen, dass du sie nicht auch liebst.« Sie legte ihm die Hand auf die Arme und versuchte es mit einem sanften Lächeln, das den Eisberg schmelzen sollte.
»Sie ist nur fünfzehn Jahre älter als du.« Er sah nun zu dem Brief, den sie in der Hand hielt. Ein Teil von ihm wollte diese Worte nun doch selber lesen, aber das konnte sein Stolz ihm einfach nicht erlauben.
»Und dieselben fünfzehn Jahre jünger als du. Das ist kein Grund. Ja ich war etwas skeptisch. Doch sie hat dir so gutgetan. Los geh und hol sie dir zurück. Finde raus, was passiert ist. Ich war es nicht, die ihr gesagt hat, dass sie deiner nicht würdig ist. Irgendwer muss es getan haben.«
Wie sollte er jemandem nachlaufen, von dem er viel zu wenig wusste. War er nicht so wieso zu alt, um einer jungen Frau nachzulaufen. Wie würde das wohl aussehen. Außerdem war das größte Problem, das er nicht einmal wusste, wo sie wohnte.
»Ich kann nicht. Sie ist weg und hat sich entschieden.« Er konnte seiner Tochter nicht sagen, dass er unfähig war, sich zu bewegen. Das er keinen Fuß vor den anderen setzen konnte und in den letzten Jahren so sehr auf eine Frau verlassen hatte, dass er nicht einmal mehr selber ein Taxi rufen konnte.
»Dad sieh mich an. Sag mir, was du für sie empfindest? Und sag bitte nicht das du nur eine Frau geliebt hättest, meine Mutter den das wäre wirklich zu tragisch, wenn du nie wieder lieben könntest, nur weil sie gestorben ist.«
Da war er wieder der Blick, den sie vorhin schon nicht deuten konnte. Es lief ihr eiskalt den Rücken runter, als ihr Vater da stand und seine Augen leicht feucht wurden. Sie konnte ihm förmlich ansehen, wie er kämpfte, nur womit und wogegen, das konnte sie nur erahnen.
»Komm schon Dad, wir finden sie. Du musst nur etwas sagen. Dann werde ich jeden Stein in dieser Stadt umdrehen, nein auf diesem Planeten, um sie wiederzufinden.«
Mehrfach öffnete er den Mund und murmelte dann leise mit brüchiger Stimme. »Ich will sie zurück.«

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